Joseph Beuys: Das Kapital Raum 1970 – 1977. Zur Entstehung und zum Ende des Werks in den Hallen für Neue Kunst, Schaffhausen

Joseph Beuys: Das Kapital Raum 1970 – 1977. Zur Entstehung und zum Ende des Werks in den Hallen für Neue Kunst, Schaffhausen

von Christel Sauer


Die Geschichte der Raumskulptur „Das Kapital Raum 1970-1977“ beginnt zu einem Zeitpunkt, als Joseph Beuys selbst noch nicht wusste, welche Form dieses Werk letztlich haben würde und Urs Raussmüller nicht ahnte, welche Konsequenzen sich daraus ergeben würden.

Der deutsche Künstler Joseph Beuys war eingeladen worden, an der Biennale in Venedig 1980 den zentralen Raum des Internationalen Pavillons zu gestalten. Die Biennale trug den Titel „L’arte degli anni ’70“ und sollte einen Überblick über die Kunst der 70er Jahre geben. Beuys war in dieser Zeit mit seinem „erweiterten Kunstbegriff“ zum einflussreichsten europäischen Künstler geworden. Die Einladung zur Biennale war für ihn ein Anlass, charakteristische Gegenstände seines Wirkens und seiner Lehre zusammenzufassen – und zwar so, dass er damit anschliessend ein Monument für die Zukunft errichten konnte: Seine Kunst sollte in einen „Denkraum“ einmünden, der ihn selbst im Sinne eines Vermächtnisses überleben würde.

Für die Realisierung seiner Idee brauchte Beuys Objekte, wie er sie in seinen Aktionen der 70er Jahre verwendet hatte, technische Geräte, einen Konzertflügel und beschriebene und bezeichnete Tafeln, die zwischen 1970 und 1977 entstanden waren, sich inzwischen aber in unterschiedlichem Besitz befanden. Er benötigte also Geld für Anschaffungen. Aber ebenso benötigte er einen Ort, an dem er das geplante Denkmal nach der Ausstellung in Venedig seinen Vorstellungen entsprechend errichten und der Öffentlichkeit dauerhaft zugänglich machen konnte. Er brauchte hierfür eine Person, die ihm sowohl den geeigneten Raum beschaffen als auch den öffentlichen Zugang zum Werk nach seinem Ableben garantieren konnte.

In dieser Situation stellte der Düsseldorfer Galerist Konrad Fischer die Verbindung zwischen Joseph Beuys und dem Zürcher Künstler Urs Raussmüller her. Beide hatten damals Ausstellungen bei Fischer. Auch kannte Beuys seit Jahren Christel Raussmüller Sauer. Er wusste, dass Urs Raussmüller in den 1970er Jahren ein wegweisendes Künstlerförderungskonzept für den Migros Genossenschafts-Bund entwickelt und die inzwischen legendäre Zürcher Kunsthalle „InK“, Halle für internationale neue Kunst, geschaffen hatte. Raussmüller war als dynamischer Förderer und Sammler von Kunst bekannt und hatte unter Künstlern einen guten Ruf, weil er sich mit grossem Engagement für die bei weitem noch nicht anerkannte Neue Kunst einsetzte. Beuys und Fischer gelangten also im Vorfeld der Biennale an Urs Raussmüller mit der Frage, ob er Interesse habe, an dem Vermächtnis-Projekt von Joseph Beuys mitzuwirken.

Urs Raussmüller war sofort einverstanden. Er kannte das Problem des öffentlichen Raums aus seiner eigenen Arbeit und hatte in der Kunsthalle InK erfolgreich Öffentlichkeit für Neue Kunst hergestellt. Beuys, der eine grosse Bewunderung für den Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler hatte, zeigte sich von Raussmüllers Leistungen angetan. Man wurde einig, das von Beuys angestrebte Vermächtnis in Zürich zu verwirklichen.

In Venedig realisierte Joseph Beuys dann die erste Visualisierung seiner Idee. Auf Wänden und Boden platzierte er Objekte aus seinen Aktionen und Diskussionen der Siebziger Jahre, darunter die fünfzig von ihm selbst und von Teilnehmern seiner Veranstaltungen beschriebenen Schultafeln. In der ihm eigenen Terminologie, wonach die Kreativität jedes Einzelnen, wie er sie in seiner Kunst zum Thema machte, das Kapital für die angestrebte Umgestaltung der Gesellschaft ist, nannte er seine Arbeit „Das Kapital Raum 1970-1977“. Die Fachwelt zeigte sich begeistert. Beuys selbst hielt jedoch, wie er Raussmüller mitteilte, die diagonale Durchgangssituation des Biennale-Raums für sein geplantes Monument eher für ungünstig und wünschte sich für die definitive Realisierung eine gefasstere Situation. Raussmüller meinte, in Verbindung mit der Kunsthalle InK einen geeigneten Raum errichten zu können. Beuys schickte die zum Werk gehörenden Gegenstände nach der Biennale wie abgemacht zu ihm nach Zürich.

Urs Raussmüller machte sich sofort daran, im Areal des InK einen den Bedürfnissen der vielteiligen Auslage entsprechenden Raum zu planen. Wie sich aber unerwartet herausstellte, wollte die Stadt Zürich als Eigentümerin der Liegenschaft die Kunsthalle schon wenige Monate später zum Bestandteil einer Berufsschule umbauen. Trotz aller Bemühungen von Raussmüller und Migros konnten InK nicht gehalten und die Pläne von Raussmüller und Beuys in diesem Kontext nicht umgesetzt werden. Raussmüller gelang es noch, 1981 die aus Venedig erhaltenen Gegenstände in rudimentärer Einrichtung in einer Ausstellung zu zeigen, bevor InK, die Halle für internationale neue Kunst, definitiv geräumt werden musste.

Zwangsläufig machte sich Raussmüller auf die Suche nach einem Ort, an dem er die begonnene Kulturarbeit fortsetzen und den für das Vermächtnisprojekt mit Joseph Beuys erforderlichen Raum schaffen konnte. Die für die Hängung von 35 Wandtafeln benötigte Höhe von acht Metern machte die Suche äusserst schwierig und führte Urs und Christel Raussmüller weit über Zürcher Gebiet hinaus. Im Frühjahr 1982 stiessen sie dann auf die nicht mehr genutzte Schöller-Textilfabrik in Schaffhausen. Sie fanden auf Seiten der Stadt aufgeschlossene Gesprächspartner, die Interesse zeigten, Raussmüller einen Gebäudetrakt zur Ausstellung von Werken Neuer Kunst und zur Realisierung des Beuys-Vorhabens zur Verfügung zu stellen. In relativ kurzer Zeit gelang es, mit der Stadt Schaffhausen eine Einigung zu finden. Es kam zu einer Volksabstimmung über den städtischen Erwerb der Liegenschaft und als diese im Juni 1982 positiv ausging, konnte Raussmüller mit dem Aufbau der Hallen für Neue Kunst beginnen.

Parallel zu Raussmüllers Suche nach Räumlichkeiten versuchte Konrad Fischer mit Raussmüllers Hilfe, die für die Biennale ausgeliehenen Gegenstände von deren Eigentümern zu erwerben. Einige der aus Venedig angekommenen Gegenstände mussten zudem repariert und ersetzt werden, was Raussmüller in Absprache mit Beuys veranlasste. Daneben verfolgte er seine Idee, den Raum für Beuys mit wegweisenden Werken anderer bedeutender Künstler zu „Hallen für Neue Kunst“ zu verbinden. Robert Ryman, Carl Andre, Sol LeWitt, Mario Merz, Bruce Nauman und weitere Protagonisten der Neuen Kunst zeigten sich von seinem Projekt begeistert. Zusammen mit eigenen Werkbeständen, mit Leihgaben der beteiligten Künstler und mit Werken, die er für Dritte erworben hatte, gelang es Raussmüller, für das Beuys-Projekt ein kongeniales künstlerisches Umfeld zu schaffen.

Joseph Beuys wurde über die Tätigkeiten regelmässig orientiert. Urs und Christel Raussmüller waren aber damit konfrontiert, dass er zunehmend ungeduldiger wurde, je länger sich die Errichtung seines Raums hinzog. Bei verschiedenen Treffen in Zürich und Düsseldorf wies Beuys sie darauf hin, dass er wegen seines schlechten Gesundheitszustands nicht mehr lange warten könne und sein Monument dringend verwirklichen wolle. Zur Überbrückung und entgegen der Intention, „Das Kapital …“ nicht mehr temporär zu zeigen, willigten Beuys und Raussmüller 1983 zu einer reduzierten Aufstellung (ohne Hängung des Tafelblocks) während der Ausstellung „Der Hang zum Gesamtkunstwerk“ im Kunsthaus Zürich ein.

Es war unter diesen Umständen für alle befreiend, dass der von Urs Raussmüller nach der Volksabstimmung in Angriff genommene Umbau der Schaffhauser Textilfabrik rasch Fortschritte machte. Um die für die Hängung der Tafeln nötige Raumhöhe von acht Metern zu erreichen, hatte Raussmüller mit einem mutigen architektonischen Eingriff den mittleren westlichen Teil des Bodens zwischen dem zweiten und dritten Geschoss herausschneiden lassen. Parallel zu den grossen Fenstern platzierte er eine hohe Wand in solcher Entfernung, dass das Werk – abgesehen vom für die Betrachter vorgesehenen Bereich – den ganzen Raum ausfüllen konnte. Mit der Öffnung der nördlichen Seitenwand und der Schaffung einer Empore im dritten Geschoss machte er es ausserdem möglich, dass das Werk sowohl von der Seite als auch von oben betrachtet und so auch die hoch hängenden Wandtafeln gelesen werden konnten. Vier Jahre nach Beginn des gemeinsamen Projektes stand damit endlich ein dem Vermächtnis von Beuys angemessener Raum zur Verfügung.

Nach ausführlichen Vorgesprächen mit Urs und Christel Raussmüller kam Joseph Beuys im April 1984 zusammen mit Heiner Bastian zur definitiven Errichtung seines Monuments nach Schaffhausen. Die für das Werk erforderlichen Gegenstände hatte Raussmüller in die „Hallen“ bringen lassen, weitere Teile brachte Joseph Beuys selbst mit. Beuys hatte Schmerzen, konnte nur mit Mühe gehen und die Objekte deshalb auch nur teilweise selbst platzieren. Der von Urs Raussmüller geschaffene Raum beflügelte ihn jedoch, und er wies Heiner Bastian und Raussmüllers Techniker mit Elan an, wie sie die einzelnen Gegenstände zu befestigen, hinzustellen oder aufzuhängen hatten. Bastian zog wiederholt Fotografien der Biennale bei, doch Beuys ging unmittelbar auf den Schaffhauser Raum ein. Im Unterschied zur diagonalen Einrichtung in Venedig wurden die Wandtafeln zu einer zusammenhängenden frontalen Ansicht komprimiert. Auch die technischen Geräte und die Bodentafeln wurden dichter im Raum verteilt. Beuys schätzte die Transformation der alten Fabrik, und man spürte, wie wichtig es ihm war, den „Denkraum“ in diesem Kontext zu errichten. Wiederholt brachte er seine Befriedigung zum Ausdruck, dass es Raussmüller und ihm trotz aller Schwierigkeiten gelungen war, der Öffentlichkeit dieses Vermächtnis seiner Kunst zur Verfügung zu stellen.

Am 5. Mai 1984 wurden die Hallen für Neue Kunst in Anwesenheit vieler Künstler eröffnet. Joseph Beuys konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen. Er liess sich aber ausführlich berichten und zeigte sich erleichtert, dass das Projekt so erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Urs und Christel Raussmüller wurden von ihm an ihre Aufgabe erinnert, für das Werk nun Sorge zu tragen, es der Öffentlichkeit dauerhaft zur Verfügung zu stellen und es nicht in die Hände von Händlern oder Spekulanten geraten zu lassen. Dieses Versprechen haben sie, solange sie konnten, mit grossem persönlichem Einsatz gehalten.

Am 23. Januar 1986 starb Joseph Beuys. In einem Nachruf der Neue Zürcher Zeitung vom 7.1.1986 ist zu lesen: „Das heute in Schaffhausen gehütete ‚Kapital’ – Beuys’ eigentliches Vermächtnis – ist gleichsam das Monument seines erweiterten Kunstbegriffes, der das ‚plastische Grundprinzip Kreativität’ zum ‚Kapital einer zu verändernden Gesellschaft’ erklärt.“

Im Herbst 1986 veranstalteten Urs und Christel Raussmüller zu Beuys Gedächtnis eine Vortragsreihe, die sie 1988 unter dem Titel „Joseph Beuys und Das Kapital“ als Publikation herausgaben. Im Text von Mario Kramer heisst es zu dem Werk in den Hallen für Neue Kunst unter anderem: „Das Denkmal wird zum Denkraum. Beuys bezeichnet das Werk als Monument für die Zukunft, für die Arbeit an der Zukunft.“ Der Beuys-Schüler und langjährige –Begleiter Johannes Stüttgen schloss seinen Vortrag so: „Und das Wichtigste, was man zum Schluss noch sagen kann, ist […], dass sich eine Stadt wie Schaffhausen nun auch wirklich mit darum kümmern muss, dass dieser Raum unter allen Umständen so, wie er von Joseph Beuys selbst hier aufgebaut worden ist, auch stehen bleibt. Weil nämlich nur in dieser Authentizität die Kräfte auch so wirken […].“

Im Januar 2014 entschied das Obergericht Schaffhausen in zweiter Instanz, dass „Das Kapital Raum 1970–1977“ das Eigentum von drei Geschäftsleuten wäre, die in einem jahrelangen Prozess gegen die Stiftung für neue Kunst auf Herausgabe des Werks geklagt hatten. Die Kläger hatten in den 1970er Jahren eine Aktiengesellschaft gegründet, für die Urs Raussmüller – wie auch für sich selbst, den Migros Genossenschafts-Bund und andere – Kunstwerke erworben hatte. Für „Das Kapital Raum 1970–1977“ konnten sie keinen Kaufbeleg vorlegen, da es keinen gab und Raussmüller nie vorhatte, das Werk in die AG einzubringen. Die zeit ihrer Existenz mittellose Stiftung für neue Kunst sah sich als falsche Adressatin der Klage. Sie war wenige Monate vor der Eröffnung der Hallen für Neue Kunst als deren juristische Trägerin begründet worden und hatte nie einen Anspruch auf die Inhalte der Institution erhoben. Nach dem Urteil war sie nicht in der Lage, den Prozess weiterzuführen und musste Konkurs anmelden.

Urs Raussmüller, dessen honorarlose Leistungen während mehr als 30 Jahren aus Überzeugung und Verantwortung erfolgten, schloss die Hallen für Neue Kunst. Er gab die Leihgaben an ihre Eigentümer zurück und überführte seine eigenen Kunstwerke zu sich nach Basel. Die einer neuen Zuständigkeit zugesprochene Beuys-Einrichtung „Das Kapital Raum 1970–1977“ blieb unangetastet am Ort ihrer Erstellung in den Schaffhauser Hallen. Theoretisch hätte sie dort in der Installation durch den Künstler weiterhin bestehen können. Tatsächlich wurden die Objekte 2015 von den drei vormaligen Klägern für einen „höheren zweistelligen Millionenbetrag“ an den Berliner Bauunternehmer und Sammler Erich Marx verkauft und in Schaffhausen abgebaut. Damit wurde einer der letzten grossen Beuys-Komplexe aus seinem authentischen Zusammenhang mit dem Werkteil Raum herausgetrennt. In Schaffhausen war dieser Raum ohne Künstlichkeit in der langen Tradition eines Arbeitsorts verwurzelt gewesen, was dem Geist des Werks zutiefst entsprochen hatte.

© 2007/2021 Christel Sauer

Literatur zum Werk in Schaffhausen:
Christel Sauer, Eine Entstehungsgeschichte: Das Kapital Raum 1970–1977 & die Hallen für Neue Kunst Schaffhausen. The Creation of a Work. Basel 2012, DE-EN
Christel Sauer (Hg.), Denk-Kapital: Ideen zur Gestaltung der Gesellschaft. Vorträge von Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik in den Hallen für Neue Kunst Schaffhausen. Basel 2012, DE