Statements

 

Statements

von Urs Raussmüller


 

Wahrnehmen

Wenn wir von Kunst reden, dann gilt es ganz grundsätzlich von Wahrnehmung zu reden. Die Wahrnehmung führt uns nämlich zu Erkenntnissen. Und die Erkenntnisse prägen unser Bewusstsein, das dann in der Folge unsere Handlungen bestimmt. Das hat jetzt nicht mehr mit Kunstbetrachtung im üblichen Sinne zu tun, sondern geht weit darüber hinaus. Es geht vielmehr um Leben und um die Gestaltung unserer individuellen wie kollektiven Möglichkeiten.

Kunst, sofern sie substantiell ist, ist ein grossartiges Mittel, unsere Wahrnehmung zu aktivieren und Erkenntnisse zu eröffnen, die uns weiterbringen. Aus dieser Einsicht resultiert eine ganz andere Art des Umgangs mit Kunstwerken als bei dem verbreiteten Kunstkonsum. Und vor allem: Mit dieser Wirkung ist die Kunst kein Spezialgebiet, sondern sie betrifft uns alle.

Wenn ich von Wahrnehmung spreche, meine ich die Wahrnehmung mit allen Sinnen, nicht nur mit den Augen, sondern auch das Wahrnehmen von Gefühlen, von Anwesenheit und Räumlichkeit, also auch von dem, was ausserhalb unseres Gesichtsfelds vor sich geht. An sich selbst zu erleben, was alles den Menschen zur Wahrnehmung befähigt, ist äusserst stimulierend. Es ist ja wesentlich mehr als das, was wir über die Augen erfassen. In besonders fordernden Situationen ist kaum noch Haut da, es gibt dann nur noch Nerven. Die Erfahrung ist grossartig, dass man sich so der Intensität wahrzunehmen hingeben kann.

Urs Raussmüller, Fiberglas, Polyester, Aluminium und Stahl, 1988, ca. 40 x 8 x 16 m

Sehen

Sehen ist ein Prozess. Er braucht Zeit. Sehen ist nicht das momentane Konstatieren einer Situation, sondern ein andauernder, kumulativer Vorgang.

Der Prozess des Sehens erfordert Aufmerksamkeit. Ich muss präsent sein, um in eine Sache hineinsehen zu können. Bei diesem Vorgang sehe ich mehr und mehr, bis ich schliesslich so von der Sache durchdrungen bin, dass ich mit ihr eins werde. In diesem Moment beginnt mein Sehen von der Sache selbst auszugehen. Jetzt kann ich anfangen, mit allem, was ich sehe zu spielen. Dabei werden sich die erstaunlichsten Kombinationen zeigen. Die entstehenden unvorhergesehenen Verbindungen können wir Fantasie nennen. Es sind Vorgänge, die plötzliche Dynamik entwickeln, Einfälle, die überraschend auftauchen und die uns alles mit allem Möglichen verknüpfen lassen. Diese Prozesse sind am Ursprung eines Verhaltens, das wir als Kreativität bezeichnen.

Wenn wir an den Punkt gekommen sind, an dem wir Teil des betrachteten Phänomens geworden sind, beginnt eine ganz andere Art des Sehens. Es wird allumfassend und lebendig. Und dies ist ein kontinuierlicher, aktiver und äusserst bereichernder Prozess. Man muss das Sehen entstehen lassen.

Zum ersten Mal etwas Neues zu sehen, erfordert einen kreativen Akt, Schwerarbeit im Gehirn. Je öfter dieser Moment eintritt, umso beweglicher und schneller reagiert Ihr Hirn. Und wenn Sie sich immer wieder in diese Situation begeben, wächst Ihre Fähigkeit, schnell zu schalten. Dabei kann es dann auch zu Fehlschaltungen kommen, was besonders faszinierend ist. Dann verknüpfen Sie nämlich Aspekte, die Sie nie zuvor in einen Zusammenhang gebracht hatten. Und plötzlich haben Sie einen Geistesblitz. Einen Einfall, eine Idee. Wenn uns klar wird, wie das funktioniert, können wir damit spielen, und es wird immer leichter, Einfälle eintreten zu lassen.

Das Spiel mit dem geistigen Schalten lässt uns auch erkennen, was in den Zwischenbereichen abläuft, in dem, was wir nicht sehen. Daraus entstehen dann wieder neue Bilder, und wir sprechen von Fantasie. Denken Sie nur, was wir daraus entwickeln können! Je mehr und bewusster Sie mit diesen Möglichkeiten verfahren, desto beweglicher reagieren Sie. Sie lernen, schneller zu schalten, mehr zu verknüpfen und durch die Kombination von Unvorhergesehenem Neues entstehen zu lassen – eben: kreativ zu sein. Wenn wir die Kreativität jedes Einzelnen fördern, setzen wir damit einen Bewusstseinsprozess in Gang, der uns alle zu Beteiligten an der Gestaltung unserer Gesellschaft macht.

 

 

Kreativität

Kreativität ist etwas, das im Menschen angelegt ist. Darüber verfügt er, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht. Der Mensch hat die wunderbare Gabe, etwas über das Bekannte hinaus zu ersinnen oder zu errichten. Das heisst, er kann etwas hervorbringen, das es vorher so nicht gab und das es nachher nur gibt, weil er es so in die Welt gestellt hat. Erst dadurch wird es auch für andere verfügbar. Das kann jeder nachvollziehen, wenn er an kreative Köche und ihre Kochkunst denkt. Aber wir brauchen diese künstlerische Fähigkeit in allen Bereichen.

Damit etwas Kreatives eintreten kann, ist eine Lockerung des Denkens nötig. Nur dann kann erwachsen, was zu einer kreativen Intelligenz führt. Die Lockerung des Denkens heisst: unser Bewusstsein in Bewegung zu versetzen. Unser Denken und unser Bewusstsein sind verkoppelt. Das Denken reicht aber nicht, wenn es beim schon Bewussten stehen bleibt. Es muss in einen Zustand gebracht werden, in dem es beginnt, über das Bestehende hinaus zu denken. Die Lockerung ist die Voraussetzung für die kreative Intelligenz. Damit ergibt sich über das Kochen nach Kochbuch hinaus noch etwas anderes – und um dieses andere geht es.

Uns steht der ganze Apparat unseres passiven Bewusstseins im Wege. Wenn wir also davon reden, was wir überwinden müssen, um zu etwas anderem, Neuem zu kommen, dann ist es dieses passive „Zuschauer“-Bewusstsein. Es ist zwar breit vorhanden, aber es entwickelt sich nichts daraus. Um zu mehr zu kommen, braucht es die aktive Handlung – und die schliesst das Denken, die Intuition, meine Gefühle und Vorstellungen und schliesslich das Hervorbringen von etwas ein. Dem muss ich nachgeben. Die Künstler machen es uns vor. Erst wenn etwas in der Welt ist, kann ich auch damit verfahren, seien es Gedanken, Taten oder Werke.

 

 

Individualität

Unsere Gesellschaft ist reich und bunt durch die Fülle ihrer Individuen. In der Neuen Kunst wird das besonders sichtbar. Hier haben wir es mit einem Bereich zu tun, in dem die Individualität ganz betont zutage tritt: Jeder Künstler – sofern er ein echter Künstler ist – bringt eigene, aus seiner spezifischen Persönlichkeit erwachsene Dinge hervor. Diese Dinge, die Kunstwerke, sind Teile eines grösseren Prozesses, in den die Betrachter einbezogen sind. Sie sind aufgefordert, den passiven Standpunkt des Betrachtens zu verlassen und selbst aktiv zu sein.

Wir können also die Kunst dazu nutzen, uns unserer eigenen Individualität bewusst zu werden – das heisst, der Fähigkeiten, über die jeder von uns auf seine Weise verfügt und die uns als Gesellschaft weiter bringen können, sofern wir sie verantwortungsvoll einsetzen.

Die Grundlage unserer Kultur ist unser Bewusstsein. Es gibt nicht die Kultur an sich, losgelöst von Individuen. Es sind die Individuen, die mit ihrem Bewusstsein die Kultur prägen. Das sind oft lange Prozesse, die zu unterschiedlichen Erscheinungen führen. Unsere Welt zeigt uns deren Vielfalt. Die Kunst, zumal die Neue Kunst, ermutigt uns, diese Vielfalt durch unser Zutun prospektiv zu erweitern. Wenn wir unser Verhalten in diesem Sinn verstehen, steht uns die ganze Welt offen.

 

 

Impulse

In der Kunst haben wir es mit einem Kraftfeld kaum geahnten Ausmasses zu tun. Je bewusster wir uns damit befassen, desto sichtbarer wird der Wert, den es für uns hat. Wir benötigen Kräfte, die Impulse erzeugen, um weitere Kräfte zu generieren. Ohne einen solchen Energiefluss wird unsere Gesellschaft passiv und verliert an Innovationsfähigkeit.

Das schöpferische Potenzial, über das wir Menschen verfügen, zeigt sich nirgendwo so unverstellt wie in der Kunst. Kunstwerke sind nicht nur ein exemplarisches Anschauungsmaterial für kreatives Verhalten, sondern, sofern sie über die entsprechende energetische Ladung verfügen, auch Auslöser von Kreativität.

Als Impulsgeber ist Kunst in der Lage, aus Betrachtern Akteure zu machen – Gestalter im weitesten Sinne. Die Kraft, die sich im Kunstwerk entfaltet und auf die Betrachter einwirkt, geht in der Übertragung auf die Empfänger in einen neuen Gestaltungsprozess über, dessen Wirkung letztlich in eine gesellschaftliche Wandlung münden kann. Wird diese Kraft, wie wir sie in der Kunst erfahren können, angenommen und angewendet, wird sie sich erneut in Handlung niederschlagen. Sie wird das Prinzip des aktiven Handelns als ein konstruktives Grundprinzip bewusst machen, das für alle Lebensbereiche zu nutzen ist. Mit diesem Potenzial zur Weiterentwicklung zeigt sich der Wert von Kunst in ganz neuem Licht.

 


Text: © 2010-2019 Urs Raussmüller / Raussmüller
Fotos: 1, 3-5: Lisa Köllner, 2: Robert Raussmüller / © Raussmüller