Denkraum Museum

 

Seit den 1980er Jahren wurde international eine grosse Anzahl neuer Museen mit einem spezifischen Schwerpunkt auf Gegenwartskunst und einer ambitiösen architektonischen Gestaltung errichtet. Im Zuge dieser Entwicklung und der gleichzeitig stattfindenden Expansion des Kunstmarkts haben sich nicht nur das Erscheinungsbild der zunehmend medial promovierten Kunst verändert, sondern auch die Erwartungen des kunstinteressierten Publikums an die für Kunst „zuständigen“ Institutionen. Die Vorgaben dazu hat eine neue Generation von Galeristen, Sammlern und Kuratoren geliefert, die ein wachsendes Angebot an Events und Highlights zu offerieren begannen und so das breite Interesse auf den Prestige- und Unterhaltungswert des Kunstbetriebs lenkten. Wichtige Mitspieler in diesem globalen Prozess sind die (Star-)Architekten, mit deren (und der Geldgeber) Hilfe sich Kunstmuseen ihre Attraktivität zu garantieren suchen – zumindest solange sie noch nicht durch kühnere Formgebungen von anderen Institutionen übertrumpft worden sind.

Vor dem Hintergrund der allgemeinen Diskussionsverlagerung von der Funktion zur Erscheinungsform von Kunstmuseen ist ein Vortrag von Urs Raussmüller interessant, den er zu Beginn dieser Entwicklung hielt. Der Vortrag fand am 1. November 1991 im Rahmen der Reihe „Denkraum Museum“ im Architektur Forum Zürich statt und geht auf Kriterien ein, die für die Konzeption und Wirkung von Kunstmuseen eine bestimmende Rolle spielen. Der Text erschien als Statement 2 in der von Moritz Küng herausgegebenen Publikation „Denkraum Museum“ und wird hier in einer gekürzten und überarbeiteten Form wiedergegeben.


Denkraum Museum

Statement von Urs Raussmüller

Urs Raussmüllers Yves Klein Einrichtung im Renn espace d’art contemporain, Paris, 1992
© Yves Klein / 2018, ProLitteris, Zürich. Foto: © Raussmüller.

Wenn man sich Gedanken über den Begriff des Museums macht – er taucht ja in unendlich vielen Verbindungen auf: als Heimatmuseum, Katzenmuseum, Feuerwehrmuseum, und wir sprechen also vom Kunstmuseum – wird sofort klar, dass er einen Ort bezeichnet, wo man etwas aufbewahrt. Das Kunstmuseum ist ein Ort, wo Kunstwerke aufbewahrt werden. Wenn man dagegen von der Kunsthalle spricht, um die es hier auch geht, meint man eine Institution, wo man von aussen Kunstwerke hineinbringt, die man über eine Zeitdauer ausstellt und anschliessend wieder hinausträgt. Anders als beim Kunstmuseum sind in der Kunsthalle keine Kunstwerke da, die dauerhaft konservatorisch betreut werden müssen.

Man hat mich heute nach den Unterschieden der von mir geschaffenen Kunst-Institutionen gefragt.* Obwohl es äusserlich grosse Unterschiede gibt, geht es um das gleiche Verhalten. Sie alle sind Orte, die Kunst auslösen wollen. Ich möchte hier etwas zur Sprache bringen, von dem man viel zu wenig redet, nämlich dass wir uns, wenn wir vom Museum und vom Ausstellen sprechen, immer klar sein müssen, dass es zunächst die Sache selbst braucht, also die Kunst. Die Kunst muss erst gemacht sein, bevor das Museum sie zeigen kann. Es braucht an erster Stelle das Erschaffen von Kunst und nachher dann die Ausstellung dessen, was erschaffen wurde. Und darum meine ich, dass wir das Museum in keinem Fall nur als einen Ort verstehen dürfen, der aufbewahrt, oder als Ort, der ausstellt, sondern als Schnittstelle zwischen Schaffen und Vermitteln – als Ort, der dafür besorgt zu sein hat, dass das Schaffen von Kunst überhaupt möglich wird.

So gesehen hat das Museum, bevor es ausstellt, eine Reihe wesentlicher Funktionen zu erfüllen. Es hat eine kulturelle Position einzunehmen, es hat für die Kunstschaffenden als ein Parameter zu dienen, es hat Kunst zu wollen, zu provozieren und sich als Institution dafür herzugeben, dass Kunst entstehen kann. Neue Werke hat es dann für die Künstler und mit ihnen zusammen auf die Qualität zu überprüfen. Erst wenn das geschehen ist und die entsprechenden Werke auf der Wand hängen oder im Raum stehen, dann kommt auch das Publikum hinzu, dann beginnt die Ausstellung und all das, von dem man gewöhnlich redet.

Diesen wesentlichen ersten Teil vergisst man eigentlich immer. Er verdient es, ausführlicher behandelt zu werden, und das werde ich in anderem Zusammenhang auch tun. Hier im Architektur Forum möchte ich jetzt jedoch einen anderen Aspekt in den Fokus rücken: den der Relativität von Museumsarchitektur.

Wenn man irgendeine Fabrik baut, eine Spaghettifabrik oder eine Autofabrik, ist die allererste, wichtigste Überlegung die nach der Philosophie der Unternehmung. Erst wenn wir uns über die Unternehmensphilosophie klar sind und über die Ziele, die wir verfolgen, kommen wir zu allen anderen Entscheidungen als abhängig von dieser Philosophie. Beim Museum ist das nicht anders. Die Philosophie, das Basisverständnis der Institution, hat an erster Stelle zu stehen, also: Wie versteht das Museum seine Funktion? An zweiter Stelle kommt dann das Verhalten: Wie setzt es seine Ziele um?; an dritter folgt das Programm: Was tut es?; an vierter die finanziellen Mittel: Womit agiert es und in welchem Umfang?; an fünfter Anzahl und Funktion der Personen, die für das Museum arbeiten: Wer tut was?; und an sechster Stelle kommt seine Erscheinungsform: Wie sieht es aus?

Urs Raussmüller und Robert Ryman, Advancing the Experience, Hallen für Neue Kunst, Schaffhausen, 2008-2014
© Robert Ryman / 2018, ProLitteris, Zürich. Foto: © Raussmüller.

Und wenn ich nun von der Erscheinungsform rede, dann meine ich damit primär die Architektur. Ich behaupte, die Architektur ist für das Museum in der Rangfolge der Wichtigkeiten von sechst-klassiger Bedeutung. Für die vielen Gespräche über das Museum, die fast ausschliesslich um das Thema Architektur kreisen, möchte ich zu bedenken geben, dass diesem Thema sechster Ordnung voran die eigentliche Diskussion über die Unternehmensphilosophie zu führen wäre und dass sich dann in der Folge sehr bald zeigen würde, in welchem Mass die Erscheinungsform abhängig davon ist.

Wenn wir an einige neue Kunstmuseen denken, von denen viel die Rede ist, und an die Namen, die dabei an erster Stelle genannt werden, so sind dies nicht die Namen von Künstlern oder Werken, also auf den Inhalt bezogene Namen, sondern die von Architekten. Ich frage mich: Können diese Unternehmungen gut gehen, wenn Architektur als solche die erste Stelle einnimmt und in der Folge sich alles andere unterordnen muss? Ich denke, es kann nicht gut gehen. Sie werden sofort verstehen, was ich meine, wenn ich Sie am Beispiel des griechischen Tempels frage, warum ein solcher Tempel so grossartig ist. Er ist deshalb grossartig, weil er in seinem Grundverständnis stimmt und dieses seine Erscheinung, seine Situierung, seine Ausstrahlung usw. bestimmt. Als Ausdruck einer absoluten, umfassenden Idee, nicht als ein Teil davon, ist er ein stimmiges Ganzes.

Auch das Museum ist ein Ganzes. Ich kann nicht einen einzelnen Teil davon konzipieren, der gegen seine Philosophie verstösst und gleichzeitig im Ganzen glaubwürdig sein. An einem unglaubwürdigen Ort kann man sich aber nicht auf Kunst einlassen, was man in einem Museum doch sollte. Es scheint mir unmöglich, sich auf die Besonderheiten von Werken zu konzentrieren, wenn das Ganze nicht stimmt und man dadurch verunsichert ist.

Nun gibt es natürlich verschiedene Unternehmensphilosophien für Kunstmuseen: z.B. ein Ort der Zerstreuung zu sein oder ein Ort des Zur-Schau-Stellens, wie das Musée d’Orsay in Paris. Ich kann auch ein Museum mit der Philosophie machen, nur zu informieren und nicht zu bewerten, oder ein Museum, das Zeitkritik zum Ausdruck bringen will. Ich kann ein Museum schaffen, das Selbsterfahrung ermöglicht, oder eines, das eine Art von Erhöhung bewirkt; Besucher fühlen sich dann durch das, was sie erfahren, selbst kreativ.

Es gibt also viele mögliche Unternehmensphilosophien. Und alle lassen sich mehr oder weniger begründen. Aber für alle gilt, dass sie alles bestimmen, was nachher an Entscheidungen folgt. Die Philosophie des Centre Pompidou, als Memorial für einen verstorbenen Staatspräsidenten zu dienen, hat zur Folge, dass möglichst viele Leute mit dessen Namen in Verbindung gebracht werden müssen. Dieses Ziel lässt sich erreichen, indem verschiedene nationale Kulturinstitute unter einem Dach vereinigt werden. Das ergibt dann das Programm. Die finanziellen Mittel spielen in diesem Fall eine relative Rolle; Hauptsache ist, dass die Betriebsamkeit gross ist. Die Erscheinungsform ist genau das, was dieser Bau auch zum Ausdruck bringt: Es ist ein Ort, wo man auf dem Vorplatz Feuer speit und wo zum Glück nicht alle Besucher in die Kunstabteilung gehen, sondern via Rolltreppen ausserhalb des Gebäudes nach oben auf die Terrasse und in die Cafeteria geführt werden. Dies ist eine konsequente, durch die Unternehmensphilosophie bestimmte Einrichtung.

Eine andere mögliche Unternehmensphilosophie vertritt beispielsweise das Getty-Museum in Los Angeles, einem Ort mit – von der Filmkultur einmal abgesehen – wenig Kulturtradition. Hier wollte man den Leuten zeigen, was überhaupt ein Museum ist, und zu diesem Zweck hat man den Nachbau einer römischen Villa errichtet. Da geht es nicht primär um ein inhaltliches Konzept, und wir reden kaum darüber, was dieses Museum tut, vielmehr geht es um die Grundidee Museum schlechthin und seine Vorstellung an einem Ort der Körperkultur.

So könnten wir, ausgehend von der Philosophie, alle Institutionen untersuchen und uns fragen, was sie wollen und was sie tun. Ich kann hier noch anfügen, dass viele amerikanische Museen Erziehungsmuseen sind, d.h. Museen mit der Philosophie, einer Gesellschaft, die relativ jung ist und über wenig kulturhistorisches Bewusstsein verfügt, durch das Mittel von echten Kunstwerken die Geschichte der Kunst möglichst anschaulich vor Augen zu führen. Das hat dann im Verhalten der Museen zur Folge, dass viel didaktische Arbeit geleistet wird, viele Kataloge produziert werden usw. Auch wenn ich es hier manchmal überspitzt dargestellt habe: Alle diese Unternehmensphilosophien haben ihre Auswirkungen, die zu spezifischen Verhaltensformen und am Ende auch zu einer spezifischen Erscheinungsform führen.

Einen Typus möchte ich hier noch anfügen, weil er in diesem Kontext nicht ganz unwichtig ist: das Museum als urbanes Denkmal. Urbane Denkmäler errichtet man heute gewöhnlich an Orten, wo es nicht unbedingt viel Aufregendes gibt – wie z.B. in Mönchengladbach. Dabei ist die Architektur nun sehr wichtig, denn sie schafft das Spektakel. Die Frage, was sich in dieser Architektur befindet, muss dann nicht unbedingt gestellt werden, denn da man „Denkmal“ gedacht hat, also äussere Erscheinung, ist für den Inhalt oft nicht viel übrig geblieben.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch den zuvor erwähnten Begriff der Finanzen kurz präzisieren. Wir reden, wenn wir vom Museum und vom Geld reden, von drei Aspekten: erstens von den Investitionsmitteln für das Errichten des Museumsgebäudes, die manchmal unverhältnismässig hoch sind; zweitens von den Betriebsmitteln für die Aufrechterhaltung des Status quo, also den regelmässigen Betriebskosten, die mit dem Tag eins des Funktionierens eines Museums beginnen und in ihrem Umfang häufig unterschätzt werden; und drittens reden wir von den Projektmitteln, also den Mitteln, die der eigentlichen Kunst- und Kulturarbeit dienen. Einfacher gesagt: Mittel für den Bau, Mittel für Personal und Hauswartung, und was dann noch übrig bleibt für die eigentlichen Aufgaben des Museums.

Betrachten wir nochmals die Abhängigkeiten der verschiedenen Kategorien am Beispiel Mönchengladbach, so bestimmt hier die Philosophie „urbanes Denkmal“ das Verhalten, äusserlich attraktiv zu erscheinen. Das Programm beginnt den Mangel an Projektmitteln zu spüren. Das Museum muss von Sammlern, die es hoffentlich nicht allzu sehr erpressen, Inhalt, d.h. Kunstwerke, ausleihen. Die finanziellen Mittel haben ausgereicht, das Kultur-Monument zu bauen, reichen aber kaum, es zu betreiben, geschweige denn, darüber hinaus noch Inhalte zu schaffen.

Nun ist es nicht immer eine Frage der Geldmenge, ob man etwas tun kann oder nicht. Es ist vielmehr eine Frage der Disposition der Mittel, also eine Frage des Willens: Wofür will – und kann – man wie viel einsetzen? Nur eine klare Unternehmensphilosophie würde auch eine klare Beantwortung dieser Frage erlauben.

Zum Schluss möchte ich noch einmal auf diesen zentralen Punkt, die Philosophie der Institution, zurückkommen. Ich habe dafür einige Möglichkeiten genannt. Eine habe ich jedoch noch nicht angeführt: das Kunstmuseum, das nicht Memorial und nicht politisch ist, nicht urbanes Denkmal und nicht Architektenmuseum, nicht Erziehungsort und nicht jemandes Selbstdarstellung, sondern das in aller Bescheidenheit ein Museum für die Kunst ist. Auch das gibt es ab und zu, und manchmal kommt es dabei zu einem glücklichen Resultat, weil endlich auch die Kunst an einem Ort ist, wo sie sich richtig als Kunst entfalten kann.


* InK, Halle für internationale Kunst, Zurich; Hallen für Neue Kunst, Schaffhausen; Renn Espace, Paris

© 1991/2018 Urs Raussmüller / Raussmüller